Wie viele Wörter hat der Koran? 77.429 – und 4.832

„Wie viele Wörter hat der Koran?" klingt nach einer Frage mit einer Zahl als Antwort. Sie hat drei. Alle drei sind richtig, und sie liegen weit auseinander: 77.429, 18.859 und 4.832.

Das ist keine Haarspalterei. Von der Zählweise hängt ab, wie groß die Aufgabe ist, wenn jemand sagt: „Ich möchte verstehen, was ich da lese."

Drei Arten zu zählen

Nehmen wir das Wort الله. Es steht 2.699-mal im Koran. Je nachdem, was man zählt, ist es ein großer oder ein winziger Teil des Textes.

Wortstellen sind die Wörter, so wie man sie beim Lesen antrifft – jedes Vorkommen einzeln. Davon gibt es 77.429. الله macht hier 3,5 Prozent aus, es ist nach diesem Maß eines der häufigsten Wörter überhaupt.

Wortformen sind die verschiedenen Schreibweisen. Arabisch verändert die Endung je nach Satzbau: ٱللَّهُ, ٱللَّهَ und ٱللَّهِ sind dasselbe Wort in drei Formen. Zählt man so, kommt der Koran auf 18.859 Formen mit Vokalzeichen – oder 14.974, wenn man die Vokalzeichen weglässt.

Grundwörter sind das, was im Wörterbuch steht. Alle Formen von الله sind ein einziges Grundwort. Davon enthält der Koran 4.832.

Was Anzahl
Wortstellen im Text 77.429
Wortteile (Vorsilben und Anhängsel einzeln) 128.219
Wortformen mit Vokalzeichen 18.859
Wortformen ohne Vokalzeichen 14.974
Grundwörter 4.832
Verse 6.236
Suren 114

Für jemanden, der lernt, ist die letzte Zahl die wichtigste. Man lernt nicht 77.429 Wörter. Man lernt Grundwörter – und begegnet ihnen dann immer wieder.

Das häufigste Wort ist nicht „Allah"

Es ist مِنْ, „von, aus". Es steht 3.226-mal im Koran, also an gut vier von hundert Stellen. Danach folgen:

Wort Bedeutung Stellen Anteil
مِنْ von, aus 3.226 4,2 %
ٱللَّه Allah 2.699 3,5 %
مَا was, nicht 2.565 3,3 %
لَا nicht 1.738 2,2 %
فِي in 1.701 2,2 %

Fünf Wörter. Zusammen stehen sie an über 11.900 Stellen – das ist mehr als jedes siebte Wort des gesamten Korans.

Vier davon sind Wörter, die für sich genommen nichts bedeuten: von, was, nicht, in. Genau solche Wörter überspringt man beim Lernen gern, weil sie unscheinbar wirken. Sie sind der Grund, warum ein Text plötzlich lesbar wird.

Wie viele Wörter muss man kennen?

Hier wird die Zählweise entscheidend – und hier widersprechen sich auch die Angaben, die man im Netz findet.

Zählt man nach Grundwörtern, sieht es so aus:

Die häufigsten … Grundwörter decken so viel des Korantextes ab
50 46 %
100 57 %
300 73 %
1.000 89 %
2.000 95 %

Zählt man dagegen nach Wortformen, kommt man mit denselben 300 nur auf 51 Prozent – und mit Vokalzeichen sogar nur auf 44 Prozent.

Beide Zahlen sind richtig. Sie beantworten verschiedene Fragen. „300 Grundwörter decken 73 Prozent ab" heißt: Wer diese 300 Vokabeln kennt, erkennt knapp drei von vier Wörtern wieder – wenn auch nicht immer in der Form, die gerade dasteht. „300 Formen decken 51 Prozent ab" heißt: So viel erkennt jemand, der nur genau diese Schreibweisen gelernt hat und noch nicht sieht, dass ٱللَّهُ und ٱللَّهِ dasselbe Wort sind.

Wer anfängt, lernt zuerst Formen und erst mit der Zeit Grundwörter. Die ehrliche Antwort liegt also am Anfang näher bei 51 Prozent und wandert mit wachsendem Verständnis in Richtung 73.

Die 95 Prozent aus der letzten Zeile sind keine beliebige Marke. Die Sprachlernforschung nennt sie als die Schwelle, ab der man einen Text selbstständig liest – also ohne bei jedem zweiten Satz nachschlagen zu müssen. Für den Koran liegt diese Schwelle bei rund 2.000 Grundwörtern.

Der Koran ist sprachlich also keine unerreichbare Sonderwelt. Er ist ein Text mit einem überschaubaren, sehr ungleich verteilten Wortschatz.

Warum sich der Aufwand so stark lohnt

Der entscheidende Satz ist dieser: Eine Vokabel lernt man einmal – verstehen kann man sie an jeder Stelle, an der sie vorkommt.

Wer مِنْ, ٱللَّه und مَا kennt, hat drei Vokabeln gelernt. Damit versteht er bereits rund 8.500 Wortstellen im Koran. Drei Karteikarten gegen 8.500 Stellen.

Das erklärt auch, warum der Fortschritt am Anfang so schnell wirkt und später langsamer wird. Die ersten hundert Wörter sind die häufigen – sie stehen in fast jeder Sure. Die letzten tausend sind seltene, die vielleicht an drei Stellen vorkommen. Beide Phasen sind nötig, aber sie fühlen sich völlig verschieden an. Wer das weiß, hört nicht auf, wenn die Kurve flacher wird.

Was das für das Lernen heißt

Drei Dinge folgen praktisch daraus:

Häufige Wörter besonders ernst nehmen. Sie tauchen in fast jeder Sure wieder auf. Wer sie sicher beherrscht, liest jeden neuen Abschnitt leichter – auch wenn man den Text der Reihe nach durchgeht.

Funktionswörter nicht überspringen. „Von", „nicht", „in", „was" – sie wirken unwichtig und stehen zusammen an fast jeder achten Stelle des Textes.

Formen als dasselbe Wort erkennen lernen. Das ist der Schritt von 51 auf 73 Prozent, und er kostet keine einzige neue Vokabel. Er besteht nur darin, ٱللَّهُ und ٱللَّهِ nicht mehr für zwei verschiedene Dinge zu halten.

Woher diese Zahlen kommen

Die Zahlen zu Wortstellen, Wortformen und Grundwörtern stammen aus dem Quranic Arabic Corpus der University of Leeds – einer sprachwissenschaftlichen Aufbereitung des Korantextes, in der jedes Wort nach Wortart, Grundform und Wurzel bestimmt ist. Der Korpus steht unter der GNU General Public License; Namensnennung und Link sind Bedingung der Nutzung.

Die Auswertungen in diesem Artikel haben wir selbst auf dieser Grundlage gerechnet, zuletzt am 26. Oktober 2026. Ein Hinweis zur Methode: Als Grundwort gilt jeweils das Lemma des Stammteils eines Wortes. Rund 3.300 Wörter – freistehende Fürwörter und die Buchstaben am Anfang mancher Suren – haben im Korpus kein Lemma und zählen deshalb über ihre Form. Wer nachrechnet und leicht abweichende Werte erhält, hat vermutlich anders gruppiert; das ist bei dieser Art Auswertung normal und der Grund, warum im Netz unterschiedliche Zahlen kursieren.

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